Michael Blake/Kresten Osgood: Im Zeichen der Rose

Der Frühling fordert sein Recht und sprießt unaufhaltsam in der Stadt. Zur aufblühenden Stimmung leisten zwei Herren ihren musikalischen Beitrag, der ebenfalls viel mit Aufbruch zu tun hat.
Der dänischstämmige Schlagzeuger Kresten Osgood ist den Greifswaldern bereits durch sein rotziges, kraftvolles Spiel bekannt. Zudem sind die Entertainer-Qualitäten wieder mal sehr ausgeprägt. Mit dem kanadischen Saxophonisten Michael Blake hat er einen Partner an der Seite, der den eher lyrischen Gegenpart zu Osgood einnimmt, denn im Gegensatz zu ihm „…strahlt sein melodiöses Spiel eine beruhigende Ökonomie aus“ (Joachim-Ernst Berendt). Sein eleganter Ton ist die komplementäre Kraft zu Osgoods Spielweise. Welch ein Glück für Greifswald – das einzige (!) Deutschlandkonzert fand am 15. Mai 2013 im Koeppenhaus statt.

Kresten Osgood, Foto: R. Schulz

Kresten Osgood nimmt Platz, bewaffnet mit einer Rose, deren Duft er prompt aufsaugt. Dies ist die Eröffnungsgeste. Der nun folgende Dialog, Schlagabtausch und Ideentransfer gerät eigenwillig humorvoll, irritierend, romantisch und aufwühlend. Nie ist sich der Hörer sicher was nun komponiert oder improvisiert ist. Der Gestaltungswille des Duos ist fesselnd und herausfordernd. Alles wird aufgefahren: Ob zarte, kammermusikalische Romantik oder an Brutalität grenzender Highspeed-Bop. Das Ganze klingt nie zu abstrahiert, bleibt immer fassbar und ist von Anfang bis Ende durchtränkt mit Tradition. Dabei verläuft die Interaktion nahezu synchron. Beide liefern einander Vorlagen, beantworten und erweitern diese labyrinthisch. Sie umspielen, reizen sich gegenseitig. Osgood bewegt sich vereinzelt dynamisch am Rande des Erträglichen – die hinteren Reihen zu wählen, erwies sich für die Zuhörer als kluge Wahl.

Michael Blake, Foto: R. Schulz

Michael Blake hat auch seine dröhnenden Momente, er erreicht (zum Glück) jedoch nie die physische Schmerzgrenze. Sein Ton ist kraftvoll aber luftig. Ob auf dem Sopran- oder dem Tenorsaxophon – stets wird man mit berührenden und dramatischen Wendungen und Artikulationen konfrontiert, die fortwährend von kompakter zu ausschweifender Farbgebung wechseln. Kresten Osgood hält es nicht allein an den Drums. Er steht auf nimmt exotische Flöten und Percussionelemente als Klangerweiterung zur Hand. Dabei rezitiert und philosophiert er, was in Teilen an Yusef Lateef erinnert. Hier wird deutlich: Kresten Osgood konserviert kein Handwerk, er atmet die Musik und ihre Geschichte mit dem Impetus eines wilden Romanciers. Auch die Rose wird als heimlicher roter Faden des Abends nicht verschont und endet als Klangerzeuger in Osgoods Trommel-Attacken. Dieser Spagat zwischen Meditation und Erregung war ein ordentlich sättigendes Notenpaket für einen Abend und man kann sich nur wünschen, dass sich in Zukunft mehr Leute aufmachen, um von der kleinen Jazz-Insel im Koeppenhaus zu zehren. (Stan Klifoth, 16. Mai 2013)

Fotos vom Konzert bei Flickr …