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Ronny Graupe’s Spoom: Lyrisches Muskelspiel

Berlin ist nicht weit – gut für das Greifswalder Koeppenhaus. Spoom meldeten sich an, mit „Pre-Release-Konzert“ zur neuen CD (VÖ am 07.06.2013 – ah heute!).
Der Auftakt ist noch entspannt – Ankommen. Dann bildet sich immer mehr eine organische Synthese aus freiem Jazz und notiertem Material heraus. Den genauen Unterschied zu hören ist angenehm schwer, denn: Die Musik fließt! Die drei Herren beweisen ein hohes Reflexions- und Reaktionsniveau, indem sie einander umkreisen, sich reizen und mit Feingefühl kommunizieren. Standort und Route werden stets neu verhandelt.
Das war nicht mein erstes Spoom Konzert – ich war zunächst auf eher komplizierte Klangwelten eingestellt. Ich bekam natürlich eine technisch anspruchsvolle aber ebenso überraschend lyrische und berührende Musik präsentiert. Die Kompositionen waren transparent und packend. Selbst explosive Phasen glitten nicht in Noise über. Die eruptiven Passagen hatten immer einen hohen Genussfaktor.

Der Mastermind des Ensembles Ronny Graupe begeistert mit seinem aufgerauhten und warmen Gitarren-Ton, inklusive Flitzefinger und starken Harmonien. Christian Lillinger hatte, wie zu erwarten, den größten Schauwert im Trio. Der mit einem Übermaß an Fiebrigkeit ausgestatte Schlagzeuger stahl seinen Mitstreitern ein wenig die Show. Sein Spiel ist pure Energie gepaart mit Präzision und Kontrolle. Jede Geste, jedes Streichen, Tupfen, Wischen oder Traktieren auf Schlagzeug, Becken und Perkussions-Katalog, wirken oberflächlich gesehen nervös und beliebig, sind aber im Gegenteil äußerst klug und ökonomisch eingesetzt. Am Kontrabass bietet Jonas Westergaard das solide Fundament und die hervorragend kontrapunktische Feinarbeit zu Graupes komplexer Spielweise. Ihm gelingt es stets adäquat zu agieren, mit rauem perkussiven Spiel und zarten Phrasierungen. Sowohl im Diskant als auch im Bass entlockt er seinem Instrument überzeugende Ideen. Er geht zuweilen leider ein wenig unter im ständigen musikalischen Schlagabtausch zwischen Graupe und Lillinger, die ihr musikalisches Muskelspiel auf Augenhöhe austragen. Gerade die ruhigeren Stücke kamen dann dem Bassisten entgegen. Hier konnte der Zuhörer die Gleichzeitigkeit von Unabhängigkeit und Bezugnahme, in der Interaktion des Trios entspannt verfolgen.

Wer hinterher artig LP’s und CD’s gekauft hat, bekämpft sogleich die kulturelle Regression des Hörens. Wir werden gewinnen! (Stan Klifoth, 7. Juni 2013)

Fotos vom Konzert bei Flickr …

Michael Blake/Kresten Osgood: Im Zeichen der Rose

Der Frühling fordert sein Recht und sprießt unaufhaltsam in der Stadt. Zur aufblühenden Stimmung leisten zwei Herren ihren musikalischen Beitrag, der ebenfalls viel mit Aufbruch zu tun hat.
Der dänischstämmige Schlagzeuger Kresten Osgood ist den Greifswaldern bereits durch sein rotziges, kraftvolles Spiel bekannt. Zudem sind die Entertainer-Qualitäten wieder mal sehr ausgeprägt. Mit dem kanadischen Saxophonisten Michael Blake hat er einen Partner an der Seite, der den eher lyrischen Gegenpart zu Osgood einnimmt, denn im Gegensatz zu ihm „…strahlt sein melodiöses Spiel eine beruhigende Ökonomie aus“ (Joachim-Ernst Berendt). Sein eleganter Ton ist die komplementäre Kraft zu Osgoods Spielweise. Welch ein Glück für Greifswald – das einzige (!) Deutschlandkonzert fand am 15. Mai 2013 im Koeppenhaus statt.

Kresten Osgood, Foto: R. Schulz

Kresten Osgood nimmt Platz, bewaffnet mit einer Rose, deren Duft er prompt aufsaugt. Dies ist die Eröffnungsgeste. Der nun folgende Dialog, Schlagabtausch und Ideentransfer gerät eigenwillig humorvoll, irritierend, romantisch und aufwühlend. Nie ist sich der Hörer sicher was nun komponiert oder improvisiert ist. Der Gestaltungswille des Duos ist fesselnd und herausfordernd. Alles wird aufgefahren: Ob zarte, kammermusikalische Romantik oder an Brutalität grenzender Highspeed-Bop. Das Ganze klingt nie zu abstrahiert, bleibt immer fassbar und ist von Anfang bis Ende durchtränkt mit Tradition. Dabei verläuft die Interaktion nahezu synchron. Beide liefern einander Vorlagen, beantworten und erweitern diese labyrinthisch. Sie umspielen, reizen sich gegenseitig. Osgood bewegt sich vereinzelt dynamisch am Rande des Erträglichen – die hinteren Reihen zu wählen, erwies sich für die Zuhörer als kluge Wahl.

Michael Blake, Foto: R. Schulz

Michael Blake hat auch seine dröhnenden Momente, er erreicht (zum Glück) jedoch nie die physische Schmerzgrenze. Sein Ton ist kraftvoll aber luftig. Ob auf dem Sopran- oder dem Tenorsaxophon – stets wird man mit berührenden und dramatischen Wendungen und Artikulationen konfrontiert, die fortwährend von kompakter zu ausschweifender Farbgebung wechseln. Kresten Osgood hält es nicht allein an den Drums. Er steht auf nimmt exotische Flöten und Percussionelemente als Klangerweiterung zur Hand. Dabei rezitiert und philosophiert er, was in Teilen an Yusef Lateef erinnert. Hier wird deutlich: Kresten Osgood konserviert kein Handwerk, er atmet die Musik und ihre Geschichte mit dem Impetus eines wilden Romanciers. Auch die Rose wird als heimlicher roter Faden des Abends nicht verschont und endet als Klangerzeuger in Osgoods Trommel-Attacken. Dieser Spagat zwischen Meditation und Erregung war ein ordentlich sättigendes Notenpaket für einen Abend und man kann sich nur wünschen, dass sich in Zukunft mehr Leute aufmachen, um von der kleinen Jazz-Insel im Koeppenhaus zu zehren. (Stan Klifoth, 16. Mai 2013)

Fotos vom Konzert bei Flickr …

Quartett brachte neue Spielweise mit

Die Botschaft kam an: Jazzer können auch morsen. Mit dieser musikalisch verblüffenden Novität zog das Berliner „Gustav wie Gasthof“ Quartett am Donnerstagabend seine Zuhörer im Lesesaal des Koeppenhauses in den Bann.
Altsaxophonist und Komponist Benjamin Weidekamp (ehemals Olaf Ton) gestand dem gut gefüllten Saal: „Eigentlich kann ich gar nicht morsen.“ Vor zwei Jahren gab das Klopfen seiner Hände auf den Tisch in einer Eisdiele den Anstoß für eine im Jazz bislang eher unbekannte Spielart. Töne werden nicht allein nur in einer festen Reihenfolge gespielt, wiederholt oder verarbeitet, sondern auch in das Morsealphabet übersetzt. Daraus besteht das Material für Stücke wie „Nomen est Omen“ oder „Seriell, nicht seriös…“.
Über dem treibenden Groove des Schlagzeugers Christian Marien entspannten Ronny Graupe auf seiner schwarzen halbakustischen Gitarre und die beiden Bläser Benjamin Weidekamp und Uli Kempendorff (Saxophon, Klarinette) verblüffende und packende Klanglandschaften, bestehend aus gehauchten, dröhnend aufgeblasenen oder gezupften Tönen der Namen der einzelnen Quartettmitglieder.

Greifswald, Foto: R. Schulz

Nach der ersten Kostprobe schien dieser Ansatz allerdings nicht als eine Eintagsfliege erschöpft. Selbst der analysierte Klang eines einmal angeschlagenen Gongs kann einen Anreiz für ein paar neue Töne bieten. Auch wenn die Musik gut ins Ohr und der Rhythmus in den Körper ging, bedurfte es hin und wieder einzelner Erläuterungen. Dies allerdings nur, um zu erklären, worauf sich die vier Musiker spielend beziehen. Natürlich immer mit einer guten Portion Humor. Dem Publikum gefiel es.
(Uwe Roßner, Ostsee-Zeitung, 20.08.2011)

Fotos vom Konzert bei Flickr …

Kopf- und Herzmusik – Der erste Abend der 31. Eldenaer Jazz Evenings

Der Eröffnungsabend der 31. Eldenaer Jazz Evenings war, maritim frisch, den jüngeren Vertretern des zeitgenössischen Jazz vorbehalten. Das Line-Up enthielt eine dramaturgische Steigerung, die in den Schweizern von Rusconi zweifellos ihren Höhepunkt fand. Das Old York Trio gab mit einem eher kammermusikalischen Sound einen lockeren, luftigen Auftakt und das Trio von Marc Perrenoud bot einen vertrauten, soliden aber jederzeit kreativen und intelligenten Pianojazz, jenseits vom belanglosen „Verbraten“ von Standards – Musik für Kopf und Herz.
Wer dann weiter durchhielt wurde mit einem großartigen Konzerterlebnis nach Hause geschickt. Rusconi präsentierten kein Klaviertrio-Einerlei, sondern entwarfen ihren eigenen Mix aus klaren Strukturen, eruptiven Brüchen, präpariertem Instrumentarium und Klangmalerei aber leicht verdaulich und ziemlich nah am Pop. Irgendwie bekam man zunehmend den Eindruck, Rusconi wollen sich unbedingt aus der „Schublade“ Jazz befreien. Ihre Auseinandersetzung mit dem Schaffen Sonic Youth’s mündete in einen Klang, der tatsächlich mehr mit Rock und Noise zu tun hatte, als mit den üblichen Spielweisen diverser Klaviertrios – Grölen inklusive! Dadurch offenbarten sie ihre musikalische Unabhängigkeit und machten ihren Status als zeitgenössische Exponenten des Jazz deutlich.

EJE 2011 Rusconi

Neben druckvollen Stücken entwickelte das Trio gleichwohl einen unbeschreiblichen musikalischen Sog und verwandelte sich letztlich völlig zur Herzmusik – affektreich aber ohne triefendes Pathos. Danke für diesen Abend!
(Stan Klifoth, Juli 2011)

Bloß nicht langweilig werden!

Voll war es nicht am Samstagabend in der Medienwerkstatt aber dafür eines der Highlights unter den diesjährigen Veranstaltungen. Ohne große Umschweife tauchte das Trio Grünen, mit Christian Lillinger (Schlagzeug), Robert Landfermann (fünfsaitiger(!) Kontrabass) und Achim Kaufmann (Klavier), sofort ein in eine Welt aus wundervoll schrägen Klängen. Was sich dem Hörer bot, war eine unglaubliche Klanggewalt. Achim Kaufmann spielte sein, mit Alltagsgegenständen präpariertes Klavier, zwar zum großen Teil mit physischer Zurückhaltung, dafür war das Ergebnis umso eindrücklicher. Kryptische, teils bedrohliche und wundersame Welten taten sich auf. Die technische Raffinesse und der Einfallsreichtum forderten das Publikum deutlich heraus. Robert Landfermann‘s Spiel zeichnete sich durch fein entworfene Farben aus. Mit dem Bogen gestrichene Flageolett-Töne, erzeugten einen fast mystischen Klangteppich. Zu Christian Lillinger braucht man nun nicht mehr viel sagen. Von Beginn an glänzte er mit herausragendem Spiel und ungeheurer Kreativität. Ob es nun der reine Ausdruck an den Drums war, das Einbeziehen des Raumes in seine Klangexplorationen oder die Verwendung ungewöhnlicher Hilfsmittel, wie Küchenutensilien oder Megaphon – es war grandioses Musiktheater. Das Trio legte kaum Unterbrechungen zwischen den Stücken ein. Alles ging ineinander über. Formen wurden herausgearbeitet, gebrochen, assoziative Reihungen vorgenommen. Motive und Strukturen entstanden und lösten sich auf. Dynamische Veränderungen wurden von allen Musikern gleichsam erspürt und weiterentwickelt. Dabei gelang es ihnen stets, die Spannung aufrecht zu erhalten und nie ermüdend den Bogen weiter zu spannen. Auf die Frage an Herrn Lillinger wie ihnen das gelingt entgegnete er nur, dass es ja sonst langweilig werden könnte.
Unermüdlich. Immer weiter. Das war Meta-Musik!
(Stan Klifoth, Oktober 2010)

Borchert / Conquest / Snekkestad

Mit ihrem Trio Borchert / Conquest / Snekkestad demonstriert Johanna Borchert die Fähigkeit, ein Gemenge unterschiedlicher musikalischer Vorlieben zu verbinden. Dabei wird sie unterstützt von The Norman Conquest, verantwortlich für sehr wundersame elektronische Klangfarben und dem Saxophonisten Torben Snekkestad. Dieses internationale Ensemble lässt dabei Free-Elemente und avantgardistische Einflüsse von Cage und Ligeti erkennbar werden, was nicht als direkte Referenz verstanden werden soll. Das Ganze lässt sich zum Glück nicht in klare Worte fassen – mit Schablonenmusik hat diese Musik ohnehin nichts zu tun. Hier geht es mehr um Stimmungen. Der Begriff Jazz muss ja heutzutage sowieso für alles herhalten was nicht klar einzuordnen ist, darum werde ich dem jetzt ganz unkreativ folgen. Es ist zumindest naheliegend hier von Jazz zu sprechen, auch wenn ich nicht klar sagen kann, wie groß hier Kalkül und Improvisationsanteil sind.
Die Klangwelt des Trios ist in der Hauptsache angenehm befremdend. Mit Everytime We Say Goodbye bewegt sich das Trio zunächst noch in recht ruhigem Fahrwasser. Hier erklingen leicht raue Töne vom Piano, Snekkestads Klarinette singt grübelnd darüber. Die anfänglich dunklen Töne werden behutsam mit farbigeren Klängen angereichert.
Doch es geht auch anders: Im Titel Wankelrhythmus wird es unruhig, Borchert treibt das Stück voran, elektronische Fetzen mischen sich mit ein. Mit Einsatz des Snekkestads löst sich das Geschehen rhythmisch auf. Was bleibt ist ein treibender, stets unterbrochener Puls mit einem nun sehr hektischen, überreizten Saxophon. In ähnlicher Art und Weise sind auch die weiteren Stücke angelegt.
Das Trio verzichtet häufig auf klare Grundformen. Alles klingt irgendwie schräg aber dennoch abenteuerlustig. Es entstehen Klangskulpturen die irgendwo zwischen Struktur und Experiment liegen. Die Kompositionen haben alle etwas leicht Bedrohliches, sind fiebrig und erzeugen aufreibende Bilder. Für mich persönlich könnten sie aber etwas länger sein. Immer wenn ein Stück vorbei ist, habe ich den Eindruck nur einen Anfang zu hören, nur vage zu ahnen, was es sagen will und wie es weitergeht. Ein schöner Trip! (Stan Klifoth, April 2010)

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Johanna Borchert



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