34. Eldenaer Jazz Evenings 2014

Eldenaer Jazz Evenings 2014„Vergessene Größe(n) – neu entdeckt“ – so ließe sich das Programm der diesjährigen Eldenaer Jazz Evenings überschreiben. Nahezu vergessenen, musikalischen Jazz-Größen, die ein interessantes Stück Jazz-Geschichte erzählen und darstellen, sind Teile des Programms gewidmet.
Wir laden herzlich ein, diese neu oder wieder für sich zu entdecken: Beispielsweise den Jazzpionier am Saxophon Sidney Bechet, welcher neben seinem Zeitgenossen Louis Armstrong zu den großen Solisten im Jazz gezählt werden muss. Oder aber Jutta Hipp, die in den Fünfzigern in New York als Europe’s First Lady of Jazz bekannt war.
Doch auch andere, jüngere, teils noch wenig „erhörte“ Stimmen werden die Parkanlage der Klosterruine Eldena erfüllen. Wie stets darf sich das Publikum auf Musiker von Weltformat freuen. Vertreter verschiedener Spielarten des Jazz präsentieren ihren eigenen Stil – welcher von mikrotonalem Groove-Jazz über sanfte Piano-Töne und luftigem Vocal-Jazz bis hin zu nahezu betörendem Geigenspiel reichen.

Freitag, 4. Juli 2014

Benjamin Weidekamp Quartett
Benjamin Weidekamp (as, bcl, cl)
Uli Kempendorff (ts, cl)
Ronny Graupe (git)
Christian Marien (dr)

Urbane Groove-Musik mit einer Prise Viertelton – Das Quartett um Benjamin Weidekamp, dem kreativen Kopf von Bands wie „Olaf Ton“ oder „Stereo Lisa“, eröffnet mit seiner unkonventionellen Herangehens- weise und einer humorvollen Note einen spannenden sowie unterhaltsamen Zugang zum zeitgenössischen Jazz. Das Quartett vervollständigen: Uli Kempendorff („Field“), Ronny Graupe („Hyperactive Kid“, „Spoom“) und Christian Marien („Olaf Ton“, „RitscheZast&Marien“, „Miss Platnum“). Die Musik besteht aus Groove, Humor, bedingungsloser Spielfreude, Spaß an Improvisation und einer Menge aufgeschriebener Noten! Die Kompositionen basieren rhythmisch auf den Namen der Bandmitglieder bzw. deren Übersetzung ins Morsealphabet und harmonisch zum Großteil auf FFT-Analysen von Präparationen des Schlagzeugers sowie anderen mikrotonalen Herangehensweisen wie der Splitchordtechnik, wo beispielsweise 12-Tonreihen oder die Tonnamen, welche in den Namen der Musiker vorkommen, in der Mitte durch einen Viertelton geteilt werden. So kommt es z.B. dazu, dass der angeknackste Thaigong des Schlagzeugers spektralanalysiert, rückwärts und in 30facher Zeitlupe als harmonische Grundlage dazu dient, dass jeder seinen Namen 16x morsen kann.

Clara Haberkamp Trio
Clara Haberkamp (p, voc)
Andreas Lang (b)
Tilo Weber (dr)

Das Musikfeuilleton ist sich einig – ein neuer Stern am Jazzhimmel: Das ist die junge Komponistin und Pianistin Clara Haberkamp. Grund genug für uns, diesen Stern am Jazz-Himmel über der Kloster- ruine Eldena erleuchten zu lassen.
Wer einfach nur ihre Musik hört, glaubt kaum, dass Clara Haberkamp erst Mitte zwanzig ist. Sie hat bereits alles, was eine vollendete Tonpoetin braucht. Mit ihrem Klavier, dem sie eine nahezu menschliche Stimme zu entlocken vermag, welche manchmal zart, empfindsam und zurückhaltend sein kann und dann ein andermal durchaus stark, couragiert oder polyphon wie ein ganzer Chor anmutet, erzählt Clara Haberkamp eindrucksvolle Geschichten. Manchmal zieht die Pianistin dabei sogar noch ein weiteres spannendes Register und singt – ganz klar, schön und unverstellt. Eingebettet findet sich dies in der raffinierten Harmonik ihres 2010 gegründeten Clara Haberkamp Trios wieder. Gemeinsam mit dem Bassisten Andreas Lang und dem Schlagzeuger Tilo Weber vermag Clara Haberkamp gekonnt zwischen kompositorischer Finesse, atmosphärischer Wärme und offenem Kollektivspiel zu balancieren. Davon konnten die drei Musiker bereits 2011 die Jury des JazzBaltica-Förderpreises überzeugen. Im Oktober 2013 ist nun endlich das Debüt-Album des Trios, „Nicht rot, nicht weiß, nicht blau“, erschienen, welches auch in Eldena zu Gehör gebracht wird.

NDR Bigband plays Sidney Bechet
Rainer Tempel (arr, cond)
Christof Lauer (sax)
Patrice Héral (dr)
NDR Bigband

Zwar waren Saxophone seiner Zeit schon in Gebrauch, populär allerdings wurde das Instrument erst mit Sidney Bechet. Der Klarinettist hatte 1920 auf einer Europa-Tournee das Sopran-Saxophon für sich entdeckt. Endlich konnte er mit den lauten Kornetten und Posaunen seiner Kollegen mithalten. Er behielt das Vibrato der Oldtime- Klarinettisten bei, entwickelte aber auf dem neuen Instrument eine emotionalere Spielweise und gilt seither als der erste bedeutende Saxophonist des Jazz. Als Jazzmusiker wurde er vor allem in Frankreich populär, wo ihn die Jugend des Existenzialismus verehrte, und er sich 1949 weniger dem Rassismus ausgesetzt sah als in den Vereinigten Staaten. Seine Komposition „Petite Fleur“ machte ihn einem breiten Publikum bekannt. „Er ist ein Künstler, der eine wirklich progressive Sprache erfunden, und sich und seinem Instrument den Weg bereitet hat.“ sagt Christof Lauer, der als Tenorist der NDR Bigband zu den führenden Jazzsolisten Europas gehört. Rainer Tempel hat die Musik Bechets in die Jetzt-Zeit übersetzt und eröffnet ganz neue Perspektiven auf Klassiker wie „Petite Ryck Fleur“ oder „Dans le Rue D’Antibes“.

Samstag, 5. Juli 2014

Sidsel Storm
Sidsel Storm (voc)
Magnus Hjorth (p)
Lasse Mørck (b)
Snorre Kirk (dr)
Tobias Wiklund (tp)

Gesungene Poesie – dieses Attribut wird den Kompositionen der dänischen Jazz-Sängerin Sidsel Storm gern zugesprochen. Bereits ihr Debüt-Album „Sidsel Storm“ aus dem Jahr 2008 brachte der jungen Künstlerin den „Danish Music Award“ für das „Beste Dänische Vocal Jazz Album des Jahres 2009“ ein. Binnen weniger Jahre avancierte die aufstrebende Sängerin zum berühmten Jazz-Star. Mit ihrer strahlenden Stimme hat sie sich in die Herzen und Ohren der nordeuropäischen Musikliebhaber und Kritiker gesungen. Inzwischen hat Sidsel Storm zwei weitere Alben (u.a. „Swedish Lullaby“) produziert. Auf ihrem jüngsten Album „Nothing in between“ zeigt sich die Dänin gewohnt von ihren besten Seiten. Ob mit gefühl- vollen Balladen oder als stimmgewaltige Powerfrau, Sidsel Storm überzeugt einfach mit einem wunderbaren Jazz, der sich gekonnt zwischen Folk und Pop bewegt. Mit ihrem modernen, luftigen Vocal Jazz und ihren eleganten, feinfädigen Eigenkompositionen eröffnet die Dänin ein gefühlvolles, lyrisches Universum, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Adam Bałdych Imaginary Quartet
Adam Bałdych (v)
Paweł Tomaszewski (p)
Michał Barański (b)
Paweł Dobrowolski (dr)

„Zweifellos der größte lebende Geigentechniker des Jazz. Von ihm kann man alles erwarten.“ schrieb Ulrich Olshausen (FAZ) bereits 2011 nach Adam Bałdychs Auftritt in Berlin. Seither hat der 1986 in Gorzów Wielkopolski (zwischen Szczecin und Poznan) geborene Geiger nichts von seiner Faszination verloren: 2012 folgte das wegweisende Album „Imaginary Room“ beim Label ACT. 2013 erhielt Adam Bałdych für dieses Album den Echo Jazz als „Bester Instrumentalist International“. Zahlreiche weitere Nominierungen und Auszeichnungen in Polen und Europa folgten. Adam Bałdych bricht mit sämtlichen Stereotypen eines Jazz-Geigers. Sein energiegeladenes, jugendlich-frisches Auftreten und die sich besonders in seinen Improvisationen ausdrückende Virtuosität unterstreichen seinen Spitznamen „Evil“. Bereits seit seinem 16. Lebensjahr tourt der Violinist international durch Europa, Asien und Amerika. Neben Jazzkompositionen für seine eigenen Projekte komponiert er auch Film- und Theatermusik. Am 30. Mai dieses Jahres erschien sein jüngstes, von den Kritiken viel gelobtes und gemeinsam mit dem Pianisten Yaron Herman aufgenommenes Album „The New Tradition“, aus welchem auch in Eldena Ausschnitte zu Gehör gebracht werden. Sämtliche Mitglieder des Imaginary Quartets graduierten an der Karol Szymanowski Musikakademie Katowice und erspielten sich in den unterschiedlichsten Formationen nationales wie auch internationales Renommee. Sie gehören zu den talentiertesten Jazz-Musikern, die Polen derzeit zu bieten hat.

Julia Hülsmann & Rolf Kühn & guests »Remembering Jutta Hipp«
Julia Hülsmann (p
Rolf Kühn (cl)
Marc Muellbauer (b)
Uli Kempendorff (ts)
Christian Lillinger (dr)

Jutta Hipp, 1925 in Leipzig geboren, begeisterte sich bereits während ihres Studiums der angewandten Kunst heimlich für den Jazz. Nach dem Krieg begründete sie in Frankfurt am Main ihre eigenen Combos, denen u.a. Albert und Emil Mangelsdorff angehörten. Der „deutschen Piano-Hoffnung“ des Cool Jazz ermöglichte 1956 ein Vertrag mit dem Label „Blue Note“ die Übersiedlung in die USA, wo sie sogleich die Alben „Jutta Hipp and Zoot Sims“ und „At the Hickory House“ einspielte. Nach ihrer Teilnahme am Newport-Festival zog sich Hipp zurück. Ob sie dem Druck des Musikbusiness nicht gewachsen oder der Rückzug ein Schritt zu einer größeren persönlichen Unabhängigkeit war, lassen wir wie die Frage, ob sie sich in der aktuellen Legende vom „rothaarigen Engel mit den gebrochenen Flügeln“ wiederfinden würde, hier offen. Julia Hülsmann und Rolf Kühn haben, einer Idee Bert Nogliks folgend, eine Hommage an das „Fräuleinwunder“ des deutschen Jazz gefunden, die auch in der Person Rolf Kühns, den Jutta Hipp 1947 in Leipzig mit Benny Goodmans Musik bekannt gemacht hat, begründet ist.


4. & 5. Juli 2014
Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr

Klosterruine Eldena, Greifswald

Tageskarte: 27 Euro (erm. 22 Euro)
Festivalkarte: 44 Euro (keine Ermäßigungen)
VVK: Stadtinformation Greifswald, RESERVIX

kostenloses Bus-Shuttle in die Innenstadt jeweils um 00:15 Uhr

Weiter Informationen auf www.eldenaer-jazz-evenings.de.